Seine wichtigsten Leitgedanken zusammengefaßt:

  • Kepler ist zutiefst überzeugt, daß Gott die Welt, den Kosmos, so erschaffen hat, daß der Mensch diesen Schöpfungsplan begreifen kann – wenn er sich genügend anstrengt.
  • Die Sonne ist der „Sitz einer bewegenden Kraft“, die die Planeten auf ihrer Bahn hält und bewegt. Diese Kraft ist um so schwächer, je weiter ein Planet  von der „Quelle“ der Kraft entfernt ist. 
    Dieser Leitgedanke ist der Ausgangspunkt für die von Kepler später gefundene Himmelsmechanik. Mit der Vorstellung, daß von der Sonne Kräfte auf die Planeten wirken, denkt Kepler als erster Astronom physikalisch und nicht nur geometrisch und kinematisch, wie alle Astronomen vor ihm. Er dachte dabei allerdings an „magnetische“ Wechselwirkungskräfte zwischen Sonne und Planeten, die dank ihrer mathematischen Struktur automatisch zur richtigen Bahn und Bahngeschwindigkeit führen. Es blieb Isaac Newton vorbehalten, gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Gravitationskraft als die übergeordnete Ursache zu entdecken.
  • Die Bahn der Erde ist wie die aller anderen Planeten zu behandeln – besitzt also keine Sonderrolle. 
    Auch damit greift Kepler über Kopernikus hinaus, der den Mittelpunkt der Erdbahn keineswegs direkt in den Mittelpunkt der Sonne verlegte, sondern in den so genannten Ausgleichspunkt. Kopernikus blieb auch bei der alten aristotelischenVorstellung, daß die Erde eine kreisförmige Bahn beschreibt und diese mit konstanter Geschwindigkeit durchläuft.
  • Es muß eine Harmonie bestehen zwischen den Geschwindigkeiten der Planeten. 
    Kepler greift damit nach etwa 2000 Jahren Platons Ideenlehre von der Harmonie und Schönheit der Naturgesetze auf. Platon (427 – 347) war der Schüler von Sokrates (469/470 – 399) und Lehrer von Aristoteles (384 – 322).
  • Theoretische Überlegungen und Erkenntnisse müssen mit allen Beobachtungen und Experimenten im Einklang sein - jedenfalls im Rahmen der Beobachtungs-genauigkeit - andernfalls sind sie falsch.

Johannes Kepler hat mit diesen Leitgedanken sein großartiges Lebenswerk geschaffen und - zusammen mit Galileo Galilei, René Descartes und anderen Gleichgesinnten - Anfang des 17. Jahrhunderts die neuzeitliche Naturwissenschaft begründet.

Johannes Kepler, interessant für unsere Jugend?

Das Wissen über grundlegende, ursächliche Zusammenhänge in der Natur kann nie als endgültig abgeschlossen gelten, das menschliche Wissen ist vielmehr ständig auf dem Prüfstand neuer Erfahrungen. Forschung ist immer dann besonders spannend, wenn althergebrachte, scheinbar felsenfeste Theorien ins Wanken geraten, sei es durch neuere Beobachtungen, sei es durch Auswertung alter Beobachtungen unter neuartigen Fragestellungen.

In eine Zeit solcher radikaler Erneuerungen fällt das Leben und Wirken von Johannes Kepler.

Kepler steht herausragend für das Wiederaufleben, die Renaissance, dieser uns heute so selbstverständlich erscheinenden Forschungslogik, die in der Antike einmal gegenwärtig gewesen war, im christlichen Abendland des Mittelalters jedoch stark überdeckt war von dogmatisch kanonisiertem „Wissen“, das kritisch zu hinterfragen geradezu gefährlich geworden war. Im arabischen Morgenland dagegen hatte die „freie“ Wissenschaft der Antike überlebt und sogar bedeutende Fortschritte erzielt. Über Italien und besonders Spanien waren die Kenntnisse darüber in den beiden vorangegangenen Jahrhunderten langsam auch wieder nach Mitteleuropa gedrungen.

Konflikte mit einem eingeschliffenen Dogmatismus konnten nicht ausbleiben. Auch und insbesondere Kepler gerät mitten in diese Konflikte hinein. Sein Wirken als Forscher und sein privates Leben werden davon stark beeinflußt. Das wird leicht vergessen, wenn man sich unter dem Stichwort „Kepler“ lediglich an die drei nach ihm benannten Gesetze der Planetenbewegung erinnert, vielleicht noch an die Erfindung des nach ihm benannten astronomischen Fernrohrs aus zwei Sammellinsen.

Über Keplers Leben wissen wir heute sehr viel. In hunderten von erhalten gebliebenen Briefen können wir seine Erlebnisse und Gedanken miterleben. Bessere Zeitzeugen kann man sich gar nicht wünschen, sie sind einer der interessantesten Zugänge für die Geschichte und Geistesgeschichte des beginnenden 17. Jahrhunderts.

An Keplers großen Werken ist besonders reizvoll, daß er den Leser am Gang der Entdeckungen, einschließlich der Rückschläge, wenn sich etwas Neues an den Beobachtungen nicht bewahrheitet hat, sehr ausführlich teilhaben läßt. Diese Ausführlichkeit ist im 18. und 19. Jahrhundert auch getadelt worden. Dazu sollte man sagen, daß es in der Tat nicht gut wäre, wenn alle naturwissenschaftlichen Bücher derart ausführlich abgefaßt wären. Bei einem Mann aus der Gründungszeit neuzeitlicher und selbstkritischer Naturwissenschaft  darf man das anders sehen.

Im vergangenen 20. Jahrhundert hat deshalb eine tief gehende Kepler-Forschung begonnen, die verborgenen Schätze in Keplers Werken und Briefen zu heben, die neue wertvolle Einsichten in Keplers Persönlichkeit, in seine bedingungslose Lauterkeit bei der Wahrheitssuche und in seine Zeit ermöglichen.

Kepler ist als ein leuchtendes Beispiel für verantwortungsvolle, der Wahrheit und der Ethik verpflichteten Forschung, abhold jeglichem Dogmatismus, von großer Bedeutung für die Zukunft der Menschen. Das gilt natürlich besonders für unsere Jugend, die zukünftig vor zunehmend große ethische Fragen und Probleme umwälzender neuer wissenschaftlicher Möglichkeiten, Erkenntnisse und Herausforderungen gestellt sein wird, und die sich vielleicht erneut mit heraufziehenden,  fundamentalistischen Dogmatismen auseinandersetzen muß.

Der lautere Charakter und die überragende Forscherpersönlichkeit von Johannes Kepler kann dabei ein großes Vorbild sein.

*  Prof. Dr. Manfred Fischer, Vorsitzender der Kepler-Gesellschaft e.V.

    Dr. Ernst Kühn, Mitglied des Vorstands der Kepler-Gesellschaft e.V.

Anlage: Literatur für Einsteiger

  • Max Caspar: „Johannes Kepler“, Stuttgart (vierte Auflage) 1995
  • „Johannes Kepler in seinen Briefen“, herausgegeben von Walther von Dyck und Max Caspar, München 1930
  • Justus Schmidt: „Johann Kepler, sein Leben in Bildern und eigenen Berichten“, Linz (2. Auflage) 1970
  • „Das Kepler-Museum in Weil der Stadt, Museumsführer“, Kepler- Gesellschaft Weil der Stadt 1999
  • Job Kozhamthadam, S.J.: „The Discovery of Keplers Laws, the Interaction of Science, Philosophy and Religion“, University of Notre Dame Press (Notre Dame Indiana 46556) 1994
  • „Johannes Kepler: Gesammelte Werke“ (22 Bände), herausgegeben im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (München) 1937 - . Vorwiegend lateinisch
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